Philosophie und Belletristik

Hans Blu­men­berg als Lite­ra­tur­kri­ti­ker. Von Felix Phil­ipp Ingold

Von Hans Blu­men­berg, dem gene­ra­lis­tisch enga­gier­ten Uni­ver­si­täts­phi­lo­so­phen, weiß man, dass sein Den­ken maß­geb­lich durch Wer­ke der schö­nen Lite­ra­tur geprägt war, genau­er viel­leicht: beflü­gelt wur­de. Nicht nur die spä­ten Bücher zu Goe­the und Fon­ta­ne bezeu­gen sei­ne dies­be­züg­li­che Ken­ner­schaft, son­dern auch die zahl­rei­chen lite­ra­ri­schen Refe­ren­zen − Zita­te, Ver­glei­che, Bei­spie­le − in sei­nen gro­ßen geis­tes­ge­schicht­li­chen und kul­tur­phi­lo­so­phi­schen Abhand­lun­gen. Blu­men­bergs frü­hes Inter­es­se an „über­tra­ge­ner“ Rede, aus dem in der Fol­ge eine umfas­sen­de Meta­phern­theo­rie erwuchs, bezog sei­nen ursprüng­li­chen Impuls aus weit­läu­fi­gen lite­ra­ri­schen Lek­tü­ren, von Lukrez über Dan­te bis zur Poe­sie der Moder­ne.

Dass Blu­men­berg bereits in sei­nen uni­ver­si­tä­ren Lehr­jah­ren meh­re­re, zum Teil umfang­rei­che lite­ra­ri­sche Auf­sät­ze abge­fasst hat und spä­ter, neben sei­ner aka­de­mi­schen Kar­rie­re, regel­mä­ßig − vor­zugs­wei­se unter Pseud­onym − als Rezen­sent inter­na­tio­na­ler Bel­le­tris­tik tätig war, ist neu­er­dings durch ein Sam­mel­werk belegt, das sei­ne ein­schlä­gi­gen Arbei­ten aus dem Zeit­raum 1938 bis 1958 als Erst- oder Nach­dru­cke voll­um­fäng­lich erschließt.1 Rund ein Dut­zend der ins­ge­samt 42 Tex­te ent­stam­men dem unver­öf­fent­lich­ten Nach­lass des Autors.

Hans Blumenberg (c) Peter Zollna, Suhrkamp

Hans Blu­men­berg: Lite­ra­tur muss nicht „gut“ und „schön“, sie muss „stark“ sein. (Foto: Peter Zoll­na, Suhr­kamp).

Das Kon­vo­lut die­ser apo­kry­phen Schrif­ten bezeugt die intel­lek­tu­el­le Sou­ve­rä­ni­tät Hans Blu­men­bergs als Lite­ra­tur­kri­ti­ker, sei­ne Kon­se­quenz, auch sei­nen Eigen­sinn im Umgang mit bel­le­tris­ti­schen Tex­ten. Natur­ge­mäß ist die­ser Umgang phi­lo­so­phisch inspi­riert, gekenn­zeich­net jedoch von gro­ßem Respekt vor den Mög­lich­kei­ten und Leis­tun­gen künst­le­ri­scher Lite­ra­tur, deren Erkennt­nis­ge­winn den der Schul­phi­lo­so­phie erwei­tert, in man­chen Fäl­len gar über­trifft. „Es wird des­halb immer eine ech­te Auf­ga­be phi­lo­so­phi­scher Besin­nung sein“, unter­streicht Blu­men­berg schon 1950 in einem Vor­trags­text, „die in der Kunst und Dich­tung bezeug­te Erfah­rung sorg­fäl­tig abzu­hö­ren und sich von dem als ech­tes Zeug­nis Erkann­ten in der Rich­tung des Den­kens, des Ansat­zes der Fra­gen bestim­men zu las­sen.“

Solch ein­füh­len­den, dabei höchst pro­duk­ti­ven Respekt hat der Kri­ti­ker über vie­le Jah­re hin gegen­über sehr unter­schied­li­chen Autoren der euro­ame­ri­ka­ni­schen Moder­ne sowie der zeit­ge­nös­si­schen deut­schen Erzähl­li­te­ra­tur wal­ten las­sen. Dass er dabei nicht so sehr auf deren Rang und aner­kann­te Bedeu­tung ach­te­te, viel­mehr dar­auf, ob ihre „Aus­sa­ge echt und fern von Kli­schee und seich­ter Roman­tik“ sei, kurz, ob er als Leser sich „gepackt“, schlim­mer noch: „ange­rührt“ fühl­te. Die­ses womög­lich aus Emil Staigers damals popu­lä­rer Ergrif­fen­heits­äs­the­tik her­ge­lei­te­te State­ment ist durch­aus zeit­ty­pisch. Blu­men­berg begibt sich damit zumin­dest ver­suchs­wei­se in die unbe­darf­te Erwar­tungs­po­si­ti­on eines Nor­mal­ver­brau­chers von Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, der nur das begreift (und begrei­fen will), was ihn ergreift: „Gegen­wart ist nur bei den Ergrif­fe­nen.“

Doch zugleich macht er impli­zit deut­lich, dass es ihm nicht um den künst­le­ri­schen Wert, nicht um die for­ma­le Gestalt der bespro­che­nen Tex­te geht, son­dern um ihre Authen­ti­zi­tät als Zeug­nis per­sön­li­chen Rin­gens um das Ver­ständ­nis der con­di­tio huma­na, um die Her­stel­lung eines „unver­dünn­ten Bezugs auf das sub­stan­ti­ell Mensch­li­che“, um Exis­tenz­fra­gen und Grund­er­fah­run­gen mit­hin, die für den Ein­zel­men­schen eben­so wie für die Mensch­heit unab­wend­bar dar­aus erwach­sen, dass auf Erden „etwas“ vor­zu­fin­den und dem Men­schen auf­ge­tra­gen ist, und nicht viel­mehr „nichts“ − die Leibniz-Heidegger’sche For­mel kehrt bei Blu­men­berg oft­mals wie­der.

Sol­chen Fra­gen nach­zu­gehn und ent­spre­chen­de Lebens­er­fah­run­gen lite­ra­risch auf­zu­ar­bei­ten, ist ein Impe­ra­tiv, dem nach Ansicht des Kri­ti­kers alle Autoren zu fol­gen haben, gänz­lich unab­hän­gig von ihrem künst­le­ri­schen Ver­mö­gen und ihren jewei­li­gen the­ma­ti­schen Vor­ga­ben. Lite­ra­tur muss nicht „gut“ und „schön“, sie muss „stark“ sein. Da kön­nen sich denn auch mar­kan­te Dif­fe­ren­zen auf­tun, etwa dann, wenn Blu­men­berg den Roman Mol­loy von Samu­el Beckett aus­drück­lich als „ein star­kes Buch, in jedem Sin­ne“ belo­bigt, ihm aber gleich­zei­tig die Qua­li­tä­ten eines „guten“ Buchs abspricht. Dass der Roman offen­kun­dig „meis­ter­lich geschrie­ben“ ist, scheint Blu­men­berg eher zu irri­tie­ren denn posi­tiv zu stim­men, da er dem Autor vor­wer­fen muss, er par­odie­re bloß „die Wirk­lich­keit als Zer­fall“, prä­sen­tie­re „das Dra­ma des Men­schen“ als „grau­sa­me Belus­ti­gung, die aus der Ent­las­tung von der Fra­ge nach dem Sinn gera­de erst ent­springt“, und er düpie­re den Leser mit dem unerns­ten „Lock­ruf des Tief­sinns zu nicht vor­han­de­nen Abgrün­den“.

Bei Hans Blu­men­bergs kri­ti­schem Anspruch kann sich dem­nach auch das bes­te Buch als ein schwa­ches Buch erwei­sen, und umge­kehrt nimmt er sich her­aus, die „Stär­ke“ unter­halt­sa­mer, gefüh­li­ger, bekennt­nis­haf­ter, nach­läs­sig hin­ge­schrieb­ner Tex­te eigens her­vor­zu­he­ben. Von daher erstaunt es nicht, dass er sich glei­cher­ma­ßen auf­merk­sam (und glei­cher­ma­ßen pro­duk­tiv) mit unter­schied­lichs­ten, ja kon­trä­ren Schrift­stel­lern aus­ein­an­der­setzt − mit Faul­k­ner und Fal­la­da, mit Kaf­ka und Kel­ler­mann, mit dem aka­de­misch geadel­ten Dich­ter Paul Valé­ry und den inzwi­schen gänz­lich ver­gess­nen US-ame­ri­ka­ni­schen Best­sel­ler­au­toren Fre­de­ric Pro­kosch oder Alan Paton („schlecht­hin gro­ße Lite­ra­tur“). Für ihn als Kri­ti­ker kommt es nicht auf die ver­ti­ka­le Rang­ord­nung zwi­schen Hoch- und Gebrauchs­li­te­ra­tur an, es geht ihm viel­mehr um das gleich­be­rech­tig­te Neben­ein­an­der unter­schied­lichs­ter lite­ra­ri­scher Aus­drucks­for­men. Der Kunst­cha­rak­ter des Werks bleibt frei­lich durch­wegs sekun­där gegen­über dem, was man einst als des­sen geis­ti­gen „Gehalt“ bezeich­net hat.

Ein­sich­tig ist auch, dass die Dich­tung, als Wort­kunst, für Blu­men­berg nur dann rele­vant ist, wenn sie nach welt­an­schau­li­chen, phi­lo­so­phi­schen, reli­giö­sen Inhal­ten abge­fragt wer­den kann. For­ma­lis­ti­sche Poe­sie irgend­wel­cher Art kommt dafür kaum in Betracht, auch nicht das for­mal per­fek­te Erzähl- oder Dicht­werk; denn: „Das Werk darf nicht alles leis­ten, wenn im Publi­kum noch etwas ‚gesche­hen‘ soll.“

Erstaun­lich sind aller­dings die Lücken in Blu­men­bergs unge­mein weit­ge­spann­tem Lek­tü­re­pro­gramm − sei­ner Vor­lie­be für kon­ser­va­ti­ve, reli­gi­ös moti­vier­te und phi­lo­so­phisch ver­sier­te Schrift­stel­ler wie Caros­sa oder Lang­gäs­ser, Clau­del oder Ber­na­nos, T. S. Eli­ot oder Ernst Jün­ger steht die har­sche Kri­tik an „nihi­lis­ti­schen“, „exis­ten­tia­lis­ti­schen“, „for­ma­lis­ti­schen“ Autoren gegen­über (Sart­re, Beckett, Rob­be-Gril­let).

Bemer­kens­wert, wie­wohl kei­nes­wegs über­ra­schend ist auch sei­ne pau­scha­le Nicht­be­ach­tung jener fran­zö­si­schen Radi­kal­den­ker und Extrem­li­te­ra­ten (Batail­le, Blan­chot, Artaud, Sachs, bis hin zu Albert Camus u.a.), die das 20. Jahr­hun­dert weit stär­ker imprä­gniert haben als die katho­li­sche lite­ra­ri­sche Intel­li­genz bei­der­seits des Rheins, ganz abge­sehn davon, dass gra­de sie für Blu­men­berg valable Denk­part­ner hät­ten sein kön­nen − bei der Fra­ge nach Gott und dem Tod eben­so wie bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem mensch­li­chen Fatum der Schuld, des Geschlechts, des Lei­dens, der Sinn­lee­re, also mit dem Absur­den. − Dass im Übri­gen zwei füh­ren­de Autoren der 1940er- und 1950er-Jah­re, die Blu­men­berg als maß­geb­li­che Gewährs­leu­te für die von ihm bevor­zug­te „star­ke“ Lite­ra­tur hät­te auf­ru­fen kön­nen, Hans Hen­ny Jahnn und Hans Erich Nossack, in sei­nen Schrif­ten nicht ein­mal dem Namen nach vor­kom­men, bleibt als bedau­er­li­ches Defi­zit zu ver­mer­ken − kaum vor­stell­bar, dass er die bei­den nam­haf­ten nord­deut­schen Zeit­ge­nos­sen damals nicht wahr­ge­nom­men hat.

II

Der zeit­lich frühs­te, umfang­mä­ßig größ­te Text, der im vor­lie­gen­den Band prä­sen­tiert wird, ist ein 64-sei­ti­ger Auf­satz, den Hans Blu­men­berg 1938 (im Alter von 18 Jah­ren) abge­fasst, in der Fol­ge jedoch nie wie­der auf­ge­grif­fen und auch nicht ver­öf­fent­licht hat. Gegen­stand die­ses sti­lis­tisch wie gedank­lich stau­nens­wer­ten Gesel­len­stücks ist das Werk des Schrift­stel­lers Hans Caros­sa, der den jun­gen Blu­men­berg als Per­son wie als Autor glei­cher­ma­ßen fas­zi­niert haben muss − jeden­falls weiß er nicht nur des­sen lite­ra­ri­sche Schrif­ten aufs Höchs­te zu schät­zen, er bewun­dert auch den „aus­drucks­star­ken Kopf des Dich­ters“, des­sen „inne­res Bild“ er in Lovis Corinths „Selbst­por­trait in Rüs­tung“ adäquat aus­ge­drückt fin­det.

Blu­men­berg bleibt bei der Lek­tü­re Caros­sas ganz auf die „Ideen“ fixiert, die er in Vers und Pro­sa aus­ge­brei­tet fin­det − es ist der „Geist“ des Werks, auf den es ihm ankommt, und nicht das Werk selbst als künst­le­ri­sches Gebil­de. „See­le“, „Herz“, „Wesen“, „Geheim­nis“, „Schick­sal“, „Gna­de“, „Heil“, der „gan­ze Mensch“ sind bei ihm häu­fig wie­der­keh­ren­de Begrif­fe. Rekur­rent bleibt die Fra­ge nach Gott, dem Sinn des Lebens und der Welt. Der jun­ge Kri­ti­ker selbst ist nicht nur theo­lo­gisch auf hohem Niveau inter­es­siert, er scheint auch ver­trau­ens­voll im christ­li­chen Glau­ben ver­an­kert zu sein und dar­aus − wie er es bei Hans Caros­sa zu beob­ach­ten meint − „hei­len­de und empor­he­ben­de Kräf­te zu schöp­fen“.

Mit Caros­sa teilt Blu­men­berg die Über­zeu­gung, wonach „das Zusam­men­wach­sen mit der gro­ßen Gemein­schaft des Vol­kes und die Ver­pflich­tung sei­ner Kraft an die­se Gemein­schaft“ ein ent­schei­den­der Impe­ra­tiv sein müs­se − er betont es im Rück­blick auf des­sen hor­ren­de Erfah­run­gen im Ers­ten Welt­krieg. Ob Blu­men­berg dabei auch schon an den damals her­auf­zie­hen­den zwei­ten gro­ßen Krieg gedacht hat, ist anhand sei­nes Auf­sat­zes nicht aus­zu­ma­chen, aber auch nicht aus­zu­schlie­ßen.

So oder anders: Gra­de die Extrem­erfah­rung des Kriegs ermäch­tigt und ver­pflich­tet den Dich­ter, der „Gemein­schaft“ zu einem „Lebens­sinn“ zu ver­hel­fen, ihr „als Seher und Mah­ner, als Erwe­cker und geis­ti­ger Füh­rer“ dienst­bar zu sein. „Zwi­schen Ges­tern und Mor­gen steht der Dich­ter, in glei­cher Wei­se ver­pflich­tet der Ver­gan­gen­heit wie der Zukunft“, schreibt Blu­men­berg: „Von jener emp­fängt er das bestän­digs­te Erbe und hat es zu bewäh­ren, für die­se aber berei­tet er die gro­ßen Inhal­te und Wei­sun­gen.“

Dass ein 18-Jäh­ri­ger mit solch welt­an­schau­li­chem Aplomb über lite­ra­ri­sche Tex­te refe­riert, mag befremd­lich anmu­ten; eben­so, dass er sich dabei unent­wegt auf Goe­the beruft, aber auch auf min­de­re Autoren wie Ernst Wie­chert und Max Mell. Doch unver­kenn­bar ist in die­sem Früh­werk man­ches von dem ange­legt, was er spä­ter macht­voll zur Gel­tung brin­gen wird − fach­über­grei­fen­des Erkennt­nis­in­ter­es­se, inter­dis­zi­pli­nä­re wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­tenz, hohe Syn­the­ti­sie­rungs- und Dar­stel­lungs­kraft, gleich­ran­gi­ge Auf­merk­sam­keit für kleins­te bei­läu­fi­ge Details wie für das gro­ße Gan­ze der Welt und des Wis­sens, Nut­zung von Lite­ra­tur- oder Bild­wer­ken zur Prä­zi­sie­rung und Erhel­lung phi­lo­so­phi­scher Fra­ge­stel­lun­gen.

[Übri­gens greift Hans Blu­men­berg in sei­nem gro­ßen reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Spät­werk zur Mat­thä­us­pas­si­on (1988) still­schwei­gend auf sei­nen essay­is­ti­schen Erst­ling zurück: Genau ein hal­bes Jahr­hun­dert nach des­sen Ent­ste­hung erin­nert er hier − in dem ein­dring­li­chen Kapi­tel zur Fra­ge „Seit wann bin ich?“ − noch ein­mal an den nach wie vor ver­ehr­ten Hans Caros­sa und führt dabei die­sel­ben Wer­ke und Zita­te an, die ihn schon als Jüng­ling beein­druckt hat­ten. Sol­che Treue und Ver­eh­rung ist für Blu­men­berg cha­rak­te­ris­tisch; auch and­re Autoren − allen vor­an Goe­the, Scho­pen­hau­er, Fon­ta­ne, spä­ter Ernst Jün­ger − sind dadurch zu sei­nen stän­di­gen Denk­part­nern gewor­den.]

Auf Blu­men­bergs gehei­mes Debüt von 1938 folg­te 1944 ein eben­falls unver­öf­fent­licht geblie­be­ner Ver­such „Über Dos­to­jew­skis Novel­le ‚Die Sanf­te‘“, ein Text, den man nun end­lich als sein ers­tes Meis­ter­stück zu lesen bekommt − sou­ve­rän durch­dacht und aus­for­mu­liert, ori­gi­nell in sei­ner Argu­men­ta­ti­on, reich an Ein­sicht und Ertrag. Blu­men­berg, inzwi­schen 24, 25 Jah­re alt, bie­tet eine eben­so bril­lan­te wie sach­kun­di­ge Lek­tü­re eines gemein­hin unter­schätz­ten Erzähl­werks, das der rus­si­sche Autor 1876 in sein öffent­li­ches Tage­buch eines Schrift­stel­lers ein­rück­te. Die Anre­gung dazu erhielt er durch eine Zei­tungs­no­tiz über den rät­sel­haf­ten Frei­tod einer jun­gen Frau, die sich anschei­nend unmo­ti­viert, mit einer Iko­ne in der Hand, aus dem Fens­ter gestürzt hat­te.

Was Blu­men­berg am Leit­fa­den von Fjo­dor Dos­to­jew­skis „phan­tas­ti­scher“ Novel­le an Lese­früch­ten zuta­ge för­dert, geht über lite­r­ar­his­to­ri­sche Befun­de weit hin­aus und nimmt auch man­ches vor­weg, was die inter­na­tio­na­le Dos­to­jew­ski-For­schung erst viel spä­ter erschlos­sen und gesi­chert hat. Aus­ge­hend von ein­zel­nen Wor­ten, Ges­ten, kur­zen Epi­so­den, mit denen der Erzäh­ler die stol­ze 16-jäh­ri­ge Frau und ihren nörg­le­ri­schen, viel älte­ren Ehe­mann cha­rak­te­ri­siert, ent­fal­tet er einen fas­zi­nie­ren­den Dis­kurs über „Gott und die Welt“ und eröff­net abgrün­di­ge Ein­sich­ten in so unter­schied­li­che, dabei eng ver­knüpf­te mensch­li­che Eigen­schaf­ten wie Miss­trau­en, Eifer­sucht, Selbst­sucht, Selbst­ver­ach­tung, Macht­wil­le, sozia­le Inkom­pe­tenz, Welt­ekel.

Auch das Phä­no­men des para­doxa­len mime­ti­schen Begeh­rens − etwa die heim­li­che Bewun­de­rung des Gat­ten für den gehass­ten Neben­buh­ler − erkennt und beschreibt er mit der Sou­ve­rä­ni­tät sei­nes umfas­sen­den Wis­sens, lang bevor der Dos­to­jew­ski- und Shake­speare-Exper­te René Girard es für sich ent­deckt und dar­aus sein phi­lo­so­phi­sches Kern­the­ma macht.

[Dass Blu­men­berg sei­nen unge­mein scharf­sin­ni­gen und auto­ri­ta­ti­ven Lek­tü­re­be­richt sowie eine Rei­he wei­te­rer Tex­te (über Kaf­ka, Sart­re, Jün­ger, Gree­ne u.a.) nach Kriegs­en­de unge­druckt hat lie­gen las­sen, ist ange­sichts ihrer intel­lek­tu­el­len und sti­lis­ti­schen Prä­gnanz schwer­lich nach­voll­zieh­bar. Viel­leicht hat er sie als Gele­gen­heits­ar­bei­ten gering­ge­schätzt, viel­leicht auch als Ent­wür­fe für geplan­te grö­ße­re Abhand­lun­gen zurück­ge­stellt. Tat­sa­che ist jeden­falls, dass jede die­ser noch so zeit­ge­bun­de­nen Arbei­ten (meist zu Neu­erschei­nun­gen oder Jubi­lä­en) das Poten­zi­al zur Fort­schrift eigen­stän­di­ger Stu­di­en in sich trägt.]

III

Die Diver­si­tät der von Blu­men­berg prä­sen­tier­ten Autoren und Wer­ke kann hier ledig­lich fest­ge­stellt, nicht aber im Ein­zel­nen gewür­digt wer­den. Das Ein­zugs­ge­biet sei­ner kri­ti­schen Lek­tü­ren bleibt fast aus­nahms­los auf die ers­te Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts beschränkt, mit Tex­ten aus dem angel­säch­si­schen, fran­zö­si­schen, deut­schen Sprach­be­reich und Schrift­stel­lern von Mar­cel Proust bis Ernest Heming­way und Eve­lyn Waugh. Vor­ran­gig ist von Pro­sa­bü­chern die Rede, bloß mar­gi­nal auch von lyri­schen und dra­ma­ti­schen Wer­ken.

Welt­an­schau­lich und sti­lis­tisch unter­schei­det sich der Blu­men­berg­sche Bespre­chungs­dis­kurs nicht wesent­lich von der domi­nan­ten deutsch­spra­chi­gen Essay­is­tik der 1950er- und frü­hen 1960er-Jah­re (Sieburg, Stern­ber­ger, Hol­thusen, Ernst und G. F. Jün­ger, mit rekur­ren­ten Anklän­gen an Heid­eg­ger), cha­rak­te­ris­tisch für ihn ist jedoch die sub­ti­le Eng­füh­rung von Pathos und Iro­nie, Lehr­haf­tig­keit und Impro­vi­sa­ti­on, beson­ders aber sei­ne Vor­lie­be für apo­dik­ti­sche State­ments, die er bald zu jäh erhel­len­den Apho­ris­men, bald zu dunk­len Weis­hei­ten (wenn nicht gar Weis­sa­gun­gen) ver­dich­tet: „Die Zeit ist nicht der Behäl­ter der Din­ge und Erleb­nis­se, sie ist ein rei­ßen­des Tier, ein gie­ri­ger Abgrund, sie ist das ein­zig Wirk­li­che, das sein Sein an allem Sei­en­den mäs­tet, das bleibt, indem es alles ande­re ver­schlingt.“ Nota­te die­ser Art fin­den sich in den lite­ra­ri­schen Auf­sät­zen zuhauf − man könn­te sie leicht zu einer eigen­stän­di­gen Spruch­samm­lung bün­deln.

Struk­tur- und Stil­ana­ly­sen sind von Blu­men­berg nicht zu erwar­ten, ent­spre­chen­de ästhe­ti­sche Erwä­gun­gen oder Wer­tun­gen schon gar nicht. Auch auf Inhalts­wie­der­ga­ben kann er weit­ge­hend ver­zich­ten, da sein vor­ran­gi­ges Inter­es­se in jedem Fall auf das Den­ken des jewei­li­gen Autors, den „Geist“ des jewei­li­gen Werks aus­ge­rich­tet bleibt. Vor­zugs­wei­se bezieht er sich des­halb auf das, was die lite­ra­ri­schen Prot­ago­nis­ten (mit ein­ge­schlos­sen die fik­ti­ven Erzäh­ler) in direk­ter Rede zu sagen haben. Psy­cho­lo­gi­sche, all­tags­welt­li­che, topo­gra­phi­sche Aspek­te spie­len dem­ge­gen­über eine durch­wegs unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Freu­dia­ni­sche Les­ar­ten weist er expli­zit zurück.

Um Blu­men­bergs her­me­neu­ti­sche Lite­ra­tur­be­trach­tung ein wenig noch zu spe­zi­fi­zie­ren, sei hier bei­spiels­hal­ber auf sei­ne Essays über Franz Kaf­ka und Wil­liam Faul­k­ner ver­wie­sen. Von Letz­te­rem prä­sen­tiert er das gesam­te Erzähl­werk (gro­ße Roma­ne, zahl­rei­che Sto­ries), bei Kaf­ka − dem vier Ein­zel­bei­trä­ge gewid­met sind − steht über­mäch­tig der Brief an den Vater im Vor­der­grund des Inter­es­ses.

Die übli­chen bio­gra­fi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Deu­tungs­an­sät­ze für den Brief lässt Blu­men­berg kon­se­quent außer Acht. Der „Vater­ko­loss“ in Kaf­kas Text ist in sei­ner Wahr­neh­mung weder Abbild noch Schreck­bild des eig­nen Vaters, von dem er viel­leicht Sta­tur und Umriss mit­ge­teilt bekom­men habe, den er aber als mythi­sche Erschei­nung bei Wei­tem über­ra­ge und gleich­sam in den Schat­ten stel­le. Blu­men­berg sieht ihn in den Dimen­sio­nen eines mythi­schen Hero­en, eines lee­ren, gott­fer­nen Idols − Maß aller Din­ge und letz­te Instanz: „Aus inne­rer Not­wen­dig­keit her­aus, aus dem Lei­den an sol­cher Namen­lo­sig­keit hat Kaf­ka die Lee­re die­ser gott­lo­sen Reli­gio­si­tät ‚besetzt‘, zuerst und immer wie­der mit dem Vater …“

So wird der „Vater“ zu einem all­ge­gen­wär­ti­gen, zugleich uner­reich­ba­ren Abso­lu­tum, das den Aus­ge­schlos­se­nen zu „furcht­ba­rer Ein­sam­keit“ ver­dammt, ihn der tiefs­ten „Qual, Scham, Schuld, Ernied­ri­gung“ über­ant­wor­tet. Kaf­kas Schreib­ar­beit erweist sich dem­ge­gen­über als eine nie voll­ende­te, nie zu voll­enden­de Form von „Selbst­be­haup­tung“, wel­che aber die ver­geb­lich ersehn­te Erwäh­lung bezie­hungs­wei­se Begna­di­gung durch den abso­lu­ten Vater nicht zu kom­pen­sie­ren ver­mag.

Im Pro­zess-, im Schloss-Roman wie auch in andern Tex­ten des Autors erkennt Hans Blu­men­berg den gra­de­zu tita­ni­schen, dabei ver­geb­li­chen Ver­such, die Lee­re sei­ner „gott­lo­sen Reli­gio­si­tät“ mit einer anony­men Instanz zu beset­zen, die ledig­lich in Anfüh­rungs­stri­chen als „väter­lich“ zu bezeich­nen sei. Kaf­kas Brief an den Vater mag fami­liä­re und psy­chi­sche Befind­lich­kei­ten in sich auf­ge­nom­men haben, weist aller­dings weit über sie hin­aus − er ist kein Doku­ment per­sön­li­cher Kla­ge oder Ankla­ge, viel­mehr ein tra­gi­scher, epo­cha­ler Schluss­ak­kord: „Und es ist gewiss nicht zufäl­lig, dass eben der Name des ‚Vaters‘, der am Anfang unse­res welt­ge­schicht­li­chen Äons mit dem Namen Got­tes zu einem Inbe­griff der Lie­be ver­schmol­zen ist, nun in der Kri­se die­ses Äons der furcht­ba­ren Anony­mi­tät des Nichts zufällt.“

Um mehr als pri­va­te Erfah­run­gen und Befind­lich­kei­ten geht es auch dem US-ame­ri­ka­ni­schen Meis­ter­er­zäh­ler Wil­liam Faul­k­ner, dem Blu­men­berg um 1955/1957 zwei sei­ner stärks­ten Auf­sät­ze gewid­met hat. Obwohl die trost­los ver­wil­der­te All­tags­welt der Süd­staa­ten in Faul­k­ners gro­ßen Roma­nen als stets gleich­blei­ben­de Kulis­se für dra­ma­ti­sche, oft gewalt­haf­te Pri­vat- und Gesell­schafts­feh­den vor­ge­ge­ben ist, ste­hen Plot und Per­so­nal nur vor­der­grün­dig unter der grau­sa­men Fata­li­tät der Bür­ger­krie­ge, des Ras­sis­mus, des Geschlech­ter­kampfs, der Blut­ra­che usf.

Wie bei Dos­to­jew­ski und Kaf­ka, bei Her­mann Kasack oder Gra­ham Gree­ne, so ver­weist Blu­men­berg auch hier mit Vor­lie­be auf die exis­ten­zi­el­len Pro­ble­me und letz­ten Fra­gen, die das Tun und Las­sen der Men­schen bestim­men − die bestim­mend wer­den dafür, ob und wie ein Kind, eine Frau, ein Mann ange­sichts des Äußers­ten sich behaup­ten; wie und ob sie, bedrängt von indi­vi­du­el­ler Schuld, von Scham, Hass, Gier, Angst und Wahn, einen Rest­be­stand all­ge­mein mensch­li­cher Moral, Wahr­haf­tig­keit und Wür­de zu bewah­ren ver­mö­gen.

Unauf­halt­sa­mes Töten und Getö­tet­wer­den, Ver­ge­wal­ti­gung und Ver­skla­vung in jeg­li­cher Form, Raub und Ver­rat ste­hen sol­cher Ret­tung ent­ge­gen, ver­hin­dern sie meist. Dazu kommt als aktu­el­le Bedro­hung die Natur­zer­stö­rung durch neue tech­ni­sche Errun­gen­schaf­ten und wirt­schaft­li­che Inter­es­sen. Faul­k­ners blei­ben­de Leis­tung glaubt Blu­men­berg dar­in zu erken­nen, dass er außer düs­te­ren Ein­zel­schick­sa­len auch gene­rell die Sin­nes- und Geis­tes­welt Ame­ri­kas erschlos­sen habe, um sie „mit dem höchs­ten Gesetz der Mensch­heit“ zu ver­schmel­zen − in sei­nem Erzähl­werk wer­den die süd­staat­li­chen Pro­vin­zen und ihre ruhe­lo­sen Bewoh­ner zur „Mensch­heits­al­le­go­rie“.

„Die Men­schen sind nur Werk­zeu­ge eines Vor­gangs, der alles mit purer Mecha­nik umgreift. Es ist ein mythi­sches Ereig­nis, rei­nes Ver­häng­nis, das Böse ohne die Bösen. Kein Fun­ke von Frei­heit. Die Men­schen sind Par­ti­kel eines Natur­pro­zes­ses.“ Das ist das skep­ti­sche Fazit, das Hans Blu­men­berg aus sei­ner Faul­k­ner-Lek­tü­re zieht; es ist zugleich das Resü­mee sei­ner eige­nen dama­li­gen Zeit­dia­gno­se, die in man­chen Punk­ten − das vor­gän­gi­ge Zitat ist ein Beleg dafür − ihre Aktua­li­tät bewahrt hat.


Anmer­kung

1) Hans Blu­men­berg, „Schrif­ten zur Lite­ra­tur“ (1945/1958). Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2017; die Jah­res­an­ga­be „1945“ im Unter­ti­tel ist unzu­tref­fend.

 

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Felix Phil­ipp Ingold lebt als frei­er Autor in Romain­mô­tier (wel­sche Schweiz); jüngs­te Buch­pu­bli­ka­tio­nen: Die Blind­gän­ge­rin, Rit­ter Ver­lag: Kla­gen­furt 2018; als Über­set­zer und Her­aus­ge­ber: Mari­na Zweta­je­wa, Uns­re Zeit ist die Kür­ze (auto­bio­gra­phi­sche Pro­sa und Gedich­te), Suhr­kamp Ver­lag: Ber­lin 2017.

Online seit: 24. Janu­ar 2019

Zuletzt geän­dert: 24. Jan. 2019